Im närrischen Rückspiegel betrachtet von Reiner Züll
In zwei Weltkriegen sind alle Gründungsunterlagen der Kaller „Löstige Bröder“ verloren gegangen. Somit ist eine Rosenmontagszeitung aus dem Jahr 1929 das älteste Dokumentdas auf die Gründung eines Karnevalsvereins im Jahr 1904 in Kall hinweist. In dieser Zeitung gratulieren die „Löstige Bröder aus Call“ den Gründern des Karnevalsverein mit einem „kräftigen Heil Alaaf!“ zum 25-jährigen Narrenjubiläum.Auch ein Kassenbuch aus dem Jahr 1938 wird beim Verein, der in der Session 2004 stolze 100 Jahre alt wurde, wie ein Kleinod gehütet. Der runde Geburtstag der „Löstige Bröder“ wurde am 2. Oktober 2004 in der Bürgerhalle mit einem großen Festakt gefeiert.

Die eigentlichen Väter der Vereinsgründung konnten trotz jahrelanger Recherchen vieler Präsidenten nicht mehr ermittelt werden. Sicher scheint zu sein, dass Peter Mohr der erste Präsident war und dieses Amt später irgendwann an Peter Stollenwerk übertrug. Stollenwerk, der damals „Ise-Pitter“ genannt wurde, führte den Verein bis 1950. Er starb einige Jahre just am Rosenmontag, als ihm die Löstige Bröder ein Ständchen bringen wollten.

Männer der ersten Stunde waren die Geschwister Matthias, Peter und Heinrich Schmitz, Alois Friederichs sen., Josef Gier, Alois Virnich, Peter Weiß, Eduard Gier, Theodor Limburger, Peter Mohr sen., Josef Vohsen und Gerhard Vohsen. Später kamen hinzu: der langjährige Herold Johann Pütz, Peter Mohr jun., Josef Zander, Heinrich Strunk und Hermann Abel, den man in Kall wegen seiner krausen Haarpracht „Abelse Kruusch“ nannte.

Schon vor dem 1. Weltkrieg hielten die Karnevalisten im Saal Gier Sitzungenab. Bis zum heutigen Tag ist die Gaststätte Gier Vereinslokal des Vereins und Hofburg der Tollitäten.Die Sitzungen wurden damals ausschließlich von einheimischen Kräften gestaltet. Bei alten Kallern sind die zünftigen Auftritte von Ewald Schumacherund Heinrich Schmitz noch immer im Gedächtnis eingebrannt. So auch der Bühnenabsturz von Schumacher, als dieser bei einer kernigen Büttenrede über einen Pfarrer den Ausruf tat„Hochwürden leben Sie noch?“ und just im gleichen Augenblick samt der Bütt von der Bühne herunter in den Saal fiel.

Die ersten Rosenmontagszüge wurden noch mit Karren und Handwagen über die Bühne gebracht. In einer Rosenmontagszeitung aus dem Jahr 1936 ist nachzulesen, dass der damalige Prinz Peter III. (Mohr) die Beschlagnahmung aller für den Umzug geeigneten Fahrzeuge ankündigte, falls diese nicht freiwillig für den Narrenumzug zur Verfügung gestellt würden.

Das nötige Geld für die Umzüge beschafften sich die Löstige Bröder schon damals durch Haussammlungen. Und mit dem eingesammelten Geld gingen die Narren damals rechts sparsam um: Die Kamellen für den Rosenmontagszug wurden lose und unverpackt eingekauft. In wochenlanger Arbeit wickelten die Frauen der Karnevalisten die Bonbonsselbst in Papier ein.
Geld war damals ohnehin recht knapp. Doch für die Ehre, einmal Prinz Karneval in Kall zu sein, brachten die überzeugten Karnevalisten große Opfer. So auch Peter Mohr, der sich 1936 einen Traum erfüllte und Karnevalsprinz wurde. Er besorgte sich das nötige Kleingeld auf eine ganz besondere Art und Weise: Er verkaufte damals eine seiner Ziegen.

Im 2. Weltkrieg ruhten die Aktivitäten der Löstige Bröder; aufgelöst wurde der Verein aber nicht. Der Krieg riss große Lücken in die Reihe der Vereinsmitglieder. 1951 wurde der Verein wieder aktiv, mit Michael Steffens präsentierten die Kaller Narren den ersten Nachkriegsprinzen. Doch schon bald blies den Karnevalisten ein heftiger finanzieller Gegenwind ins Gesicht. Die Kosten stiegen von Jahr zu Jahr und irgendwann war der Saal Gier dann zu klein, um die Kosten der Sitzungen durch Eintrittsgelder ausgleichen zu können. Statt Sitzungen wurden nur noch Bälle abgehalten. Aus den Löstige Bröder wurden schließlich „Möde Bröder“.

Es war 1965 der „Eiserne Gustav“ der die Kaller Jecken aus dem Dornröschschlaf aufweckte: Gustav Limburger aktivierte die müden Jecken mit der Devise „Alles für uns Pänz“. In Kall lebte der Kinderkarneval auf.Schon ein Jahr später gab es in Kall nach dem Kinderzug auch eine Kindersitzung. Für die Finanzierung des Kinderzuges im Jahr 1969 ließ sich Limburger bei einem Kegelabend im „Haus Hensch“ sogar eine Glatze schneiden. Damit gewann er eine Wette gegen seine Kegelbrüder.
Die „Aktion Plätekopp“ blieb nicht ohne Folgen. Wenige Tage später opferte auch Narrenkollege Fritz Schmidt im „Eifeler Hof“ seine Haarpracht zugunsten des Kinderkarnevals. Nach dem Grobschnitt durch den Friseur seifte der „Eiserne Gustav“ seinen Freund Fritz für die Vollendung der Plät höchstpersönlich ein. DemKinderkarneval bescherte die „Glatzeritis“ eine Finanzspritze und den Kaller Jecken ein kerniges Wagenmotto: Die „Aktion Plätekopp“ war das Thema im Kinderzug.

Gustav Limburger war auch der geistige Vater der „Kallbachmücken“, die bis auf den heutigen Tag das Aushängeschild des Karnevalsvereins sind. Und auch das Majorettenkorps wurde seinerzeit auf Limburgers Initiative ins Leben gerufen. Von 1966 bis 1970 führte der Eiserne Gustav den Karnevalsverein als Präsident in eine neue Blütezeit. 1968 zum Beispiel waren im Kinderzug am Karnevalssonntag 32 Wagen und Gruppen vertreten. 250 Jungen und 140 Mädchen nahmen daran teil. 1970 wurde mit Axel Schmielecki und Dagmar Schumacher (jetzt Jungen) das erste Kaller Kinderprinzenpaar inthronisiert.

Gustav Limburger folgten als Präsidenten Bürgermeister Werner Schumacher, Alois Friederichs, Helmut Weiler und Karl Schumacher. Die Sitzungen der „Löstige Bröder“ fanden nach der Wiederbelebung zunächst an der Loshardt in der alten Turnhalle statt, die später dem Bau der Berufsschule weichen musste. Dann wurden die Karnevalsveranstaltungen im Saal des Hüttenhofes und danach im Saal Gier veranstaltet. Schließlich stellte die Gemeinde Kall im Einverständnis mit der Hauptschule das Foyer der Schule zur Verfügung. Kall hatte sich wieder zu einer Hochburg im Rheinischen Karneval entwickelt.

Unter der Präsidentschaft von Helmut Weiler präsentierten die „Löstige Bröder“ 1975 mit Karl Schumacher nach 26-jähriger Pause wieder einen großen Prinzen.Karl Schumacher übernahm ein Jahr später von Helmut Weiler das Präsidentenamt. Unter Karl Schumachers Regie wurde 1979 das 75-jährige Bestehen des Vereins groß gefeiert. Jubiläumsprinzenpaar war damals der inzwischen verstorbene Karnevalist Willi Schieren und dessen Prinzessin Marianne. Auch in diesem Jahr, und das ist bis heute Tradition, war die Person des Prinzen bis auf den letzten Augenblick geheim gehalten worden. Beim Einmarsch von Willi und Marianne Schieren mussten all die Jecken, die Bürgermeister „Nieres“, „Blumen-Franz“ oder Haarartist „Theisen-Ludwig“ als Prinz erwartet hatten, erkennen, dass sie wieder einmal „daneben gelegen“ hatten.

Prinz Gustav (Winand) und Prinzessin Elisabeth waren 1988 das erste Prinzenpaar, das in der neuen Bürgerhalle auf den Narrenthron gehoben wurde. Im Februar 1989 trugen der Karnevalisten ihren Ehrenpräsidenten Heinrich Strunk zu Grabe. Ein Jahr später erlebte der Karnevalsverein mit dem Tod des Kaller Bürgermeisters und engagierten Karnevalisten Werner Schumacher am 22. November 1990 denn wohl schwärzesten Tag in der bis dahin 86-jährigen Vereinsgeschichte.

Auf Karl Schumacher folgte 1980 Wilfried Kaiser als Präsident. Von 1982 bis 1988 bekleidete Ex-Prinz Andreas Heinen das hohe Amt, das er danach an Anthony Goebel abgab. Doch die Aktivitäten des Vereins ließen immer stärker nach, so dass sie 1990 quasi auf dem Nullpunkt angelangt waren. Der Ausstieg aus dem Ringprogramm und der Ausfall des Karnevalszuges 1991 wurde beschlossen. Der Verein war wieder „ganz unten“.

Ein karnevalistisch völlig unvorbelastetes Trio tat sich dann in der Gaststätte zusammen, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken und zumindest den Karnevalszug zu retten. Peter Berbuir, Ferdi Saßmann und Gastwirt Dieter Forner gründeten an der Bürgerhof-Theke die Interessengemeinschaft „Kaller Fastelovendszoch“. Ein Spendenkonto für den Umzug wurde eingerichtet und auch die Kaller Bevölkerung und die Rest-Aktivisten des Karnevalsvereins signalisierten ihre Unterstützung.
Doch dann fiel der Zoch 1991 dennoch aus: Der Golfkrieg hatte alle Bemühungen der Narren-Initiative zunichte gemacht. Jedoch nur für das eine Jahr. Mit der Wahl von Peter Berbuir zum neuen Präsidenten der „Löstige Bröder“ erlebte der Verein einen sensationellen Neustart. .Die Proklamationssitzungen wurden wieder mit eigenen Kräften gestaltet, die Bürgerhalle war knubbelvoll wie selten zuvor. Auch auch die erste Kindersitzung nach längerer Pause füllte die Halle bis auf den letzten Platz. Kinderprinzen wurden fortan nicht mehr in der großen Sitzung proklamiert, sondern standesgemäß während der Kindersitzungen.Der Erfolg ist der neuen Generation der „Löstige Bröder“ bis auf den heutigen Tag treu geblieben. So war auch die Entscheidung, den Weiberdonnerstag in der Bürgerhalle zu feiern, ein Volltreffer. Seit Jahren droht die Bürgerhalle bei diesem Narrenmarathon stets aus allen Nähten zu platzen.

Die Mitgliederzahlen sind nach der Neugründung explosionsartig angestiegen. Jugendarbeit wird im Verein besonders groß geschrieben, wie die Vielzahl der Jungen und Mädchen zeigt, die in den verschiedenen Garden mittanzen. Mit seiner 15-jährigen Amtszeit als Präsident hatte Narrenchef Peter Berbuir alle bisher bekannten Präsidenten überholt.Mit seiner damaligen Vizepräsidentin Erika Görgen, seinem Geschäftsführer Ralph Drehsen und seinem Schatzmeister Wolfgang Goebel blickte Berbuir weiterhin in eine hoffnungsvolle Zukunft.

 

Der Jecke Tourbus


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